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Angsthase, Pfeffernase

Seit einiger Zeit habe ich einen Entwurf hier im Blog. Seit einiger Zeit… bedeutet in diesem Fall, dass ich seit dem 17. Oktober 2014 eine Überschrift namens „Angsthase – Pfeffernase“ im Blog stehen habe und mich so oft hingesetzt habe, um über meine Ängste zu schreiben. Doch nie kam ich zur Ruhe, um meine Gedanken in irgendeiner Art und Weise zu sortieren. Selbst jetzt nicht, wo ich an diesem Text sitze. Ohne Plan, Storyboard oder Drehbuch.

Warum ich also jetzt schreibe? Weil es mich drängt, gewisse Sachen einfach loszuwerden. Die, die mich intimer kennen, wissen um meine Ängste und Panikattacken.

Gestern bekam ich einen Anruf, der mir so dermaßen die Knie hat wegbrechen lassen, dass ich, während ich das hier schreibe, immer noch mit feuchten Augen zu kämpfen habe.

Ein von mir geliebter und sehr geschätzter Mensch hat gestern den Kampf gegen den Krebs verloren. Viele Menschen sind in meinem Lebensumfeld in den letzten Jahren verstorben. Mal Menschen, die ich sehr mochte, mal Menschen, mit denen ich nur sporadisch Kontakt hatte. Es hat mich immer irgendwie getroffen und, sorry wenn das nun etwas barsch klingt, nur kurzfristig traurig gemacht. „Leben geht weiter“ usw. blabla.

Aber nun war es eine Person, die ich gefühlt mein Leben lang kenne. Neben meinem Dad, McGyver und Indiana Jones, war er für mich wie ein Held, ein zweiter Dad. Eine weitere Bezugsperson meiner Jugend und als Kind bewunderte ich diesen drahtigen, muskulösen Mann. Der als Handwerker alles reparieren und erschaffen konnte. Sogar mein Mofa damals. Aus einem Stück Blech, irgendeinem Werkzeug und handwerklichem Geschick hat er mir Ersatzteile für mein Zündapp-Monster gebaut. Ich war verblüfft. Nichts gegen meinen Vater, ich liebe ihn, so wie ein Sohn einen Vater lieben kann. Für mich der allergrößte und stärkste Mann der Welt. Wenn er könnte, würde er mir die Sterne vom Himmel holen und USB-Anschlüsse dranlöten. Aber direkt nach meinem Dad kommt der Vater meines besten Freundes. Und dann kommen die fiktiven Jungs…

In all den Jahren, in denen ich diese Familie besucht habe, war es für mich wahrlich eine zweite Familie geworden. Ich hatte einen weiteren Bruder, weitere Eltern und sogar eine große Schwester. Es klingt gerade etwas pathetisch. Aber ich bin kein rhetorisch wortgewandter Schreiberling. Daher versuche ich meine Gefühle so gut es geht irgendwie auf den Bildschirm zu bringen.

Der Tod – Die Krankheit – Das Arschloch

Der große, starke Mann, der sein Leben lang hart gearbeitet hat. Dessen grauen Bart und langen Haare ich nie vergessen werde. Dieser sportliche Mensch wurde geknickt. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, wie sehr es die Familie geschockt hat. Mich persönlich hat diese Nachricht umgehauen. Wie kann jemand, der so vital durch das Leben ging, auf einmal so schwer erkranken? Es klingt komisch – Aber ich habe meinen Vater zum zweiten Mal weinen sehen. Einmal, als sein Vater starb und zum zweiten Mal, als er erfahren hat, dass der Vater meines besten Freundes, Krebs hat. Kann das irgendjemand nachempfinden? Diese Traurigkeit, wenn man seinen eigenen Vater weinen sieht? Mich hat es sprachlos gemacht. Mein starker Vater weint, weil ein anderer starker Mann an Krebs erkrankt ist. Meine heile Welt brach zusammen.

Generell war ich immer der Papa-Mensch. Ich liebe meine Mama, aber meinen Papa ein wenig mehr. Liegt sicherlich daran, dass er … Ach, keine Ahnung. Weil er einfach mein Papa ist.

Ich kann mir meine Welt ohne meinen Vater nicht vorstellen und ich will es auch nicht. Ich bin der Typ Mensch, der gerne „Dinge verdrängt und vergisst“. Doch dann gibt es Dinge, die ich einfach nicht wegschieben kann. Oder anders gesagt… Die ich so derbe tief in mich reinfresse und drücke, dass es des Nachts explodiert und mir die Sinne raubt.

Ich habe Angst. Ich habe enorme, abgrundtiefe Angst vor dem Tod.

So unfassbare Angst, dass ich eines Tages nicht mehr bin, dass es mich fast lähmt.

Wofür dieses Leben? Warum sind wir hier? Sinn von dem ganzen hier? Was zur Hölle hat man sich bei diesem Konzept gedacht?

Ich möchte nicht gehen. Ich will nicht gehen. Ich will, dass niemand geht. Sterben und Krankheiten sind Dinge, die ich einfach nicht verstehe. Zu komplex für mein von Comics, Pornos und Horrorfilmen zerfressenes Gehirn. Es geht da einfach nicht rein.

Ich werde jetzt 35. Wenn alles gut geht, habe ich ungefähr die Mitte meines Lebens erreicht. Uh – Midlife-Krise. Ja, verdammt. Ich glaube, das ist es. Meine ganzen Hobbys, Projekte, Bands, Musik, Comics, Filme, Konsolen, Games… all der Shit, den ich um mich herum sammle ist nichts anderes als ein Hilfeschrei und Ablenkung vor dem gruseligsten Gedanken, den ich haben kann: Dem Tod – Dem Ableben.

Meine Haare fallen aus und die restlichen werden grau. Ich bekomme mehr Falten und wahrscheinlich werde ich nie wieder jemals unter die 100kg-Grenze kommen. Alles Äußerlichkeiten. Ich weiß nicht, ob es Eitelkeit oder absolut normale Gedanken sind, aber je mehr sich mein Aussehen ändert und sich meinem Alter anpasst, desto gebrechlicher fühle ich mich. Mir wird bewusst, dass ich nicht mehr „lang“ hier zu weilen habe und ich verstehe es einfach nicht. Gar nicht. Ich habe vor nichts soviel Angst, wie vor meinem letzten Atemzug. Egal, ob durch das natürliche Ableben oder durch Krankheit oder Unfall geschuldet.

Ich träume von Zombies und Aliens. Vom Ende der Welt und der atomaren Apokalypse. Ich träume in 2D, in 3D, in Zeichentrickfilmstyle und manchmal sogar in Schwarz/Weiß. Gelegentlich merke ich, dass ich träume und kann meine Träume manipulieren. Aber unterm Strich sind es Träume. Science-Fiction-beschwängerte horrormäßige Träume. Es berührt mich nicht. Zombies, Aliens, Mörder, Killer, Tiere, Mutanten… alles kein Ding.

Aber wehe, ich träume von realen Dingen. Vom Tod. Vor meinem Tod. Es nimmt mir einfach die Luft. Ich reiße die Augen auf, werde wach. Gut – Ich bin noch da.

Ja, ich weiß absolut, dass neben dem Essen, dem Kacken und dem Sex der Tod so ziemlich das natürlichste Ding der Welt ist. Jeder ist mal dran. Egal ob arm, ob reich ob gut oder böse. Schlussendlich macht jeder von uns irgendwann mal die Augen endgültig zu – UND DAS, VERDAMMTE SCHEIßE NOCHMAL, WILL ICH EINFACH NICHT! Und diese Angst kann mir niemand nehmen. Nicht meine eigenen Eltern, nicht mein Mädchen. Niemand.

Schwer zu verstehen, schwer auszudrücken. Wie man hier grob lesen kann, sieht man, dass ich (again) keinen roten Faden im Geschreibsel habe. Mich jagt die Angst durch diesen Text. Blanke Panik. Attacken, die sich auf meine Brust setzen und gefühlt 20 Tonnen wiegen. Ich könnte zigtausende Metaphern bringen, aber eigentlich ist es nur Angst.

Wenn ich versuche zu ergründen, wovor ich doch nun genau Angst habe, dann beantworte ich mir meine eigene Frage mit: Keine Ahnung.

Es gibt Momente, da wäre ich gerne religiös. Ich beneide manchmal Menschen um den Glauben, den Sie haben. Der Glaube, dass es einen Gott gibt. Einen Himmel. Eine Sphäre, in der wir alle als Energie umherwandeln und irgendwann unsere verstorbenen Liebsten wieder antreffen oder vielleicht sogar wiedergeboren werden. Religionen gibt es wie Sand am Meer. Egal ob Spaghetti-Monster, Gott oder Allah. In meiner Welt ist das alles Science-Fiction und nicht echter als Spiderman oder der Predator. Ich werfe gerade alles in einen Topf, wie ein ungelernter Koch-Lehrling. Aber es sind halt meine Gedanken. Manchmal wünschte ich, ich würde mich irren, ein großer Blitzschlag donnert direkt mir vor die Füße und hinterlässt eine Nachricht „Senad, mich gibt es wirklich!“.

Aber das wird niemals passieren. Ebenso wenig, wie ich fetter Typ eine Zombie-Apokalypse überleben würde. Ich wäre in Todesangst und würde alle Menschen die ich liebe, vergessen, obgleich ich wüsste, dass sie ebenso in dieser Gefahr sind. Ich wäre mir selbst der Nächste. Purer Egoismus um den ich weiß und auch stets dagegen ankämpfe. Ich liebe mich selbst und ich bin mir sicher, dass das auch nicht die gesündeste Art des Lebens ist. Denn schlußendlich ist auch diese Angst vor dem Tod meiner Liebe zu mir selbst geschuldet.

Ich habe Angst um mein eigenes Leben, denn ich werde nichts… Absolut nichts hinterlassen. Mein Leben wird daher verwehen wie ein Pups im Wind. Wie der Großteil der Leben aller Menschen. Nur ein kleines Sandkorn in der Wüste. Daher hier ein verspätetes Danke und vielleicht ein kleiner Beweis dafür, dass man doch eine Kleinigkeit hinterlässt.

Danke dass du mir die Kindheit bunter gemacht hast.

 

Über Senad

Kreatives Zellkollektiv. 1980 geboren. Digital native. Fan von Social Media, Fotografie, Comics, Retro Games und Lego. Aus dem Westerwald nach Berlin nach Friedrichsdorf.

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3 Kommentare

  1. Es tut mir sehr leid, dass du einen geliebten Menschen verloren hast. Es ist immer schwer dem Tod zu begegnen. Auch wenn er (wie du schon geschrieben hast) zu den natürlichsten Dingen im Leben gehört, ist es immer surreal, wenn man mit ihm konfrontiert wird. Ich wünsche dir alle Kraft, die du brauchst.

    Ich für meinen Teil habe mehr Angst vor dem Tod eines geliebten Menschen als vor meinem eigenen. Mich würde der Gedanke wahnsinniger machen, wenn ich für immer auf dieser (teilweise doch sehr kranken) Welt verweilen müsste.

    Deine Zeit ist noch lange nicht gekommen. Dukönnenein Leben in vollen Zügen und das ist genau richtig so! Bleib wie du bist. Mit all deinen Ängsten und auch deinen Tapferkeiten. Die Angst vor dem Tod ist nichts surreales. Der Tod ist etwas zu greifbares, zu alltägliches. Aber unsere Ängste treiben uns immer wieder zu neuen Taten und neuen Projekten, neuen Herausforderungen an. Ohne unsere Ängste wären wir nicht das, was wir letztendlich sind. Sie definieren uns ebenso wie alle anderen Eigenschaften. Es ist wichtig, dass wir uns ihrer bewusst sind. Nur so können wir uns ihnen stellen. Und bei der Angst vor dem Tod ist es ein guter Anfang (Vorsicht – ‚0815‘-Phrase mit wahrem Inhalt) jeden Tag so zu leben, als wäre es der letzte oder zumindest jeden Tag etwas tun, was einem Freude bereitet. Sicherlich wird die Angst nie ganz verschwinden, aber lach ihr doch auf diese Art und Weise ins Gesicht.

    Alles wird gut.

  2. schliesse mich an. mit allem drum und dran was du schreibst.

    plus starke depression, inkl angst attacken, die mich stundenlang lähmen und verderbend fühlen lassen.

    ich gebe dir jetzt einen verfickten befehl. LIES. DIESES. BUCH.

    Kauf dir das buch für verdammte 27cent und lies es auf dem Pott.
    da ist so derbe viel liebe drin, wie du sie vermutlich selten empfangen hast. ich habe immer vor diesem eso-wort mit dem M verachtungsvoll weggeschau. bin ich zu hibbelig. klappt nicht. nix für mich.

    doch. geht. und erlöst vorm karussell. im kopp. endlich. erlöst. je öfter du es zwischendrin oder whenever machst, desto erlösender wirkt es jeweils. not kidding.

    der typ schreibt so geil. erklärt für motivationslahme und immer rotierende menschen wie liebe IN DEIN HERZ KOMMT, nicht nur auf die aussenhaut und da ein wenig rein diffundiert.

    wenns dir nix nutzt, scheiß drauf, warn nur 27ct.
    TU. ES.

    BITTE.

    mir auch schissegal, ob dieser kommi freigeschaltet wird. speicher ihn und mach ein meme draus, das du als desktopbackground einstellst.

    tu es einfach. du kannst nur gewinnen. jeder „meditiert“ anders. beim musikmachen, beim rumliegen, beim zähneputzen, unterschiedlich. ist kein eingriff in deine zeitliche privatsphäre.

    so.

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